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Entwicklungspädagogisches Förderkonzept

Konzeptioneller Hintergrund

Mit der Gründung der Jakob Muth-Schule im Jahre 1991 adaptierte das Gründungsteam der Schule unter Federführung der damaligen Schulleiterin Dr. Marita Bergsson das Konzept „Entwicklungstherapie im Klassenzimmer“ von Mary M. Wood. Da es sich um ein sonderpädagogisches Förderkonzept handelt, setzte sich aus diesem Grunde die Begrifflichkeit „Entwicklungspädagogik“ durch. (ETEP - Entwicklungstherapie/ Entwicklungspädagogik; siehe auch: www.etep.org)

Verhaltensauffälligkeit wird als Entwicklungsverzögerung beim Erwerb emotionaler und sozialer Fähigkeiten verstanden. Folgerichtig besteht die Aufgabe der Förderung darin, Angebote bereitzustellen, die eine Nachreifung im Hinblick auf sozial-emotionale, sprachliche und kognitive Fähigkeiten ermöglichen.

Die Förderpraxis orientiert sich an den vier Postulaten,

  1. sich an den Stärken des Kindes zu orientieren,
  2. die folgerichtige Anforderung der nächsten Entwicklungsstufe zu berücksichtigen,
  3. Freude und Erfolg des Kindes stets im Blick zu behalten und
  4. relevante, übertragbare  Lernerfahrungen bereitzustellen

Das entwicklungspädagogische Curriculum

Das entwicklungspädagogische Curriculum umfasst alle Förderelemente und Strukturen, die im Konzept des ETEP dargestellt werden. „Es ordnet dem aktuellen sozialen, emotionalen und verhaltensmäßigen Ist-Stand eines Kindes/Jugendlichen bestimmte Richtziele, Einzel-Lernziele, Strategien zur Verhaltenssteuerung, Materialien, Unterrichtsaktivitäten und Evaluationsverfahren zu. Darüber hinaus spezifiziert es jeweils bestimmte Rollenbeschreibungen für den Erwachsenen, wodurch dieser genauer auf die Entwicklungsbedürfnisse des Schülers eingehen kann. Der Entwicklungstherapeutische /entwicklungspädagogische Lernziel-Diagnosebogen (ELDiB) wird eingesetzt, um das Fähigkeitsprofil eines Kindes/Jugendlichen im Verlauf der Entwicklungsstufen zu beschreiben. Darüber hinaus definiert er die Ziele für den Individuellen Erziehungsplan (IEP) und wird verwendet, um den Fortschritt des Kindes/Jugendlichen zu überprüfen.“ (vergl. ETEP Europe 2001)

Die folgende Übersicht verdeutlicht die übergeordneten Entwicklungsziele der jeweiligen Stufe und gibt den Pädagogen Handreichungen für hilfreiche Strukturierungen und angemessenes Interventionsverhalten.

Kurzbeschreibung der Stufen

Stufe I: Auf die Umwelt mit Freude reagieren

Allgemeine Beschreibung:    Reagieren und jemandem vertrauen             

  • ROLLE DES ERWACHSENEN: Grundlegende Bedürfnisse stimulieren und befriedigen.       
  • TECHNIKEN: Körperkontakt und Berührung; Strukturierung des Unterrichts und gleich bleibende Abläufe; Steuerung des Materialeinsatzes durch den Pädagogen; kontrollierter Sprachumfang (Vokabular, Satzfolgen).
  • INTERVENTIONEN: Konstanter physischer Kontakt; Zuwendung; Stimulierung.
  • UMGEBUNG UND ERFAHRUNGEN: Gleichbleibende Routineabläufe; eher verlocken als fordern; stimulieren; sensorische Aktivitäten fördern.

Stufe II: Auf die Umwelt erfolgreich reagieren

Allgemeine Beschreibung:    Erwerben individueller Fähigkeiten

  • ROLLE DES ERWACHSENEN: Motivator; steuert alte Verhaltensweisen zu erfolgreichen Ergebnissen; spiegelt Erfolg, berechenbarer Bezugspunkt.
  • TECHNIKEN: Strukturierung des Unterrichts; konsistente Routine; verbale Interaktion zwischen Leitung und Assistenz; physisches u. verbales Umlenken; Einhalten von Grenzen; Spiegeln von Handlungen, Gefühlen, und Erfolg.
  • INTERVENTIONEN: Häufig, sowohl physisch als auch verbal; unterstützend.
  • UMGEBUNG UND ERFAHRUNGEN: Strukturiertes, erfolgreiches Erforschen; Aktivitäten führen zu Selbstvertrauen und Selbstorganisation; Kommunikationsaktivitäten; beginnende kooperative Aktivitäten; einfache Gruppenerfahrungen.                                          

Stufe III: Erwerben von Fähigkeiten, um erfolgreich im Rahmen einer Gruppe teilzunehmen

Allgemeine Beschreibung:    Individuelle Fähigkeiten in Gruppenverfahren anwenden

  • ROLLE DES ERWACHSENEN: Modell für das Einbringen in die Gruppe; stimuliert und fördert geeignete Gruppeninteraktion; erhält Grenzen und Gruppenerwartungen aufrecht; spiegelt und interpretiert Verhalten, Gefühle und Fortschritt.
  • TECHNIKEN: Umlenken; Spiegeln; verbale Interaktion zwischen Leitung und Assistenz; individuelle Life-Space-Crisis-Intervention; vorhersagbare Struktur und Erwartungen; Spiegeln von Gefühlen; häufige verbale Intervention; Konsistenz.
  • INTERVENTIONEN: Häufig, meist verbal; Schwerpunkt auf der Gruppe.
  • UMGEBUNG UND ERFAHRUNGEN:Gruppenaktivitäten, die Kooperation stimulieren; Teilen u.beginnende Freundschaften; Fokus auf Gruppenverfahren und -erwartungen; Annäherung an reale Lebenssituationen und -bedingungen, soweit die Gruppe verkraften kann.

Stufe IV: Sich in Gruppenprozesse einbringen, darin „investieren“

Allgemeine Beschreibung:    Wertschätzen der eigenen Gruppe

  • ROLLE DES ERWACHSENEN: Gruppenleiter; Berater; spiegelt Realität.
  • TECHNIKEN: Interpretation von Gefühlen und Verhalten; individuelle und Gruppen-Life-Space-Crisis-Intervention; Spiegelung der Realität.
  • INTERVENTIONEN: Intermittierend, dem realen Leben angenähert.
  • UMGEBUNG UND ERFAHRUNGEN: Realitätsorientierte Umgebung; Aktivitäten, Verfahren und Erwartungen werden durch die Gruppe bestimmt; Betonung auf der Gruppe bei der Arbeit an Schulleistungen; Rollenspiel; Exkursionen; Elemente  normalen Wettbewerbs.

Entwicklungspädagogischer Lernziel-Diagnose-Bogen (ELDiB)

Der entwicklungspädagogische Lernziel-Diagnose-Bogen beschreibt 182 Items in fünf aufeinander folgenden Entwicklungsstufen im Altersverlauf von 0 bis 16 Jahren. Gemessen wird die sozial-emotionale Entwicklung in vier Skalen: Verhalten, Kommunikation, Sozialisation undKognition (Vor-/Schulleistung). Die Ergebnisse der Einschätzung liefern ein Profil bereits vorhandener Fähigkeiten (bewältige Items) und noch nicht  vorhandener Fähigkeiten (noch nicht bewältigte Items) in jedem der vier Bereiche; außerdem eine zusammenfassende Einschätzung bezüglich der generellen Stufe der sozial-emotionalen Entwicklung. Die Items, die noch nicht (vollständig) bewältigt sind, werden - schrittweise aufeinander aufbauend - zu Entwicklungslernzielen für das individuelle Förderprogramm. Der ELDiB weist in jeder Entwicklungsstufe jedem der vier Bereiche entsprechende Entwicklungslernziele zu.

 

Verhalten

Kommunikation

Sozialisation

(Vor-)Schulleistung/Kognition

Stufe I

Den eigenen körperlichen Fähigkeiten vertrauen

Verwendung von Wörtern/ Sprache, um Bedürfnisse zu befriedigen

Einem Erwachsenen hinreichend vertrauen, um auf ihn zu reagieren

Auf die Umgebung reagieren mit intentionalen Körperbewegungen und basalen mentalen Prozessen von Gedächtnis, Klassifikation sowie rezeptivem Vokabular

Auf die Umwelt mit Freude reagieren

Stufe II

Erfolgreiche Teilnahme an Routineabläufen und Aktivitäten

Verwendung von Wörtern/ Sprache, um andere in konstruktiver Weise zu beeinflussen

Sich erfolgreich an Aktivitäten beteiligen

Teilnahme an Aktivitäten durch Selbsthilfe, motorische Koordination, Sprache und mentale Prozesse von Unterscheiden/Ordnen/Zählen

Auf die Umwelt mit Erfolg reagieren

Stufe III

Fähigkeiten für individuellen Erfolg als Mitglied einer Gruppe einsetzen

Verwendung von Wörtern/ Sprache, um sich konstruktiv in Gruppen auszudrücken

Gruppenaktivitäten als befriedigend erleben

Erfolgreiche Teilnahme in einer schulischen Gruppe durch Einsatz basaler Schulleistungsfähigkeiten, durch Sprachkonzepte und durch symbolische Repräsentation von Erfahrungen

Fähigkeiten zur erfolgreichen Gruppenteilnahme erwerben

 

Verhalten

Kommunikation

Sozialisation

(Vor-)Schulleistung/Kognition

 

Stufe IV

Durch individuelle Anstrengung  zum Erfolg der Gruppe beitragen

Verwendung von Sprache, um Verständnis der eigenen Gefühle/ des eigenen Verhaltens bzw. Verständnis der Gefühle/ des Verhaltens anderer auszudrücken

Spontan und erfolgreich als Gruppenmitglied partizipieren

Schulleistungsfähigkeiten erfolgreich für soziale Gruppenerfahrungen einsetzen

Sich in Gruppenprozesse einbringen

Stufe V

Auf Lebens-erfahrungen mit konstruktivem Verhalten reagieren

Verwendung von Sprache, um Beziehungen zu etablieren und zu bereichern

Eigenständig positive Beziehungen zur Peer-Gruppe etablieren und pflegen

Schulleistungsfähigkeiten erfolgreich zur Bereicherung der eigenen Persönlichkeit einsetzen

Individuelle Fähigkeiten in neuen Situationen anwenden

Der ELDiB erfüllt im Förderprozess sechs Funktionen:

  • Feststellung des aktuellen emotionalen, sozialen und kognitiven Entwicklungsstandes
  • Feststellung des Förderbedarfes; Formulierung von individuellen Förderzielen (Förderplan)
  • Überprüfung des Fortschritts durch Wiederholung der Einschätzung (Evaluation und Fortschreibung der Förderziele)
  • Entscheidungsgrundlage für die Definition des (erhöhten) Förderbedarfs, die Lerngruppenzuordnung, den Wechsel des Förderortes bzw. die Beendigung der Förderung
  • Planungsgrundlage als Teil des sog. Gruppen-ELDiBs für das Curriculum der Lerngruppe (Planung der Unterrichtsinhalte, der entwicklungspädagogischen  Schwerpunktsetzung, der Strukturen, Methoden und Abläufe, der Interventionsformen etc.)
  • Einheitliche Einschätzungs- und Planungsgrundlage aller am Förderprozess beteiligter Personen in unterschiedlichen Settings (Kinder, Eltern, Lehrer, Förderlehrer, Schulbegleiter, Sozialarbeiter u.a.)

Der individuelle Förderplan und die Arbeit mit individuellen Förderzielen

Die Fähigkeiten des Schülers in seiner emotionalen, sozialen und kognitiven Entwicklung sowie zur Teilnahme werden im ELDiB zu seiner jeweiligen Entwicklungsstufe in Beziehung gesetzt. Die ELDiB-Items definieren die nächsten erreichbaren Anforderungen im individuellen Entwicklungsprofil des Schülers. Sie schaffen einen Orientierungs- und Entscheidungsrahmen für den Förderprozess. Auf der Basis dieser klaren und transparenten Kompetenzbeschreibungen können damit sowohl der Lehrer in seinem Planungsprozess als auch der Schüler in seinem Entwicklungsfortschritt erfolgreich sein (vergl. die 4 Grundannahmen)

Der Förder‐ und Erziehungsplan wird für jedes Kind dreimal jährlich individuell erstellt, indem aus der aktuellen ELDiB-Einschätzung maximal vier Ziele definiert werden. Bei diesen Zielen handeltes sich um soziale, emotionale, kommunikative und kognitive Fähigkeiten, an deren Auf‐ und Ausbau das Kind in einem Förderzeitraum von ca. 4 Monaten arbeiten wird.

Der Förderplan ist das Curriculum der Schule. „Die Förderung arbeitet systematisch an einer Stärkung und dem Ausbau von Kompetenzen des Kindes. In diesem Entfaltungsmodell bildet der Entwicklungsstand den Maßstab der Förderung des Kindes; seine Bedürfnisse im emotionalen, sozialen, kognitiven und im Verhaltensbereich bestimmen die individuelle Erzihungs-planung sowie Planung und Durchführung des Unterrichts. Ziel der Förderung ist es, eine Passung herzustellen zwischen den Entwicklungsmöglichkeiten und Entwicklungsnotwendig-keiten des Kindes einerseits und den Anforderungen und Angeboten der schulischen Umwelt andererseits.“ (Marita Bergsson, Studienbrief der Universität Hagen 1999, S. 18)

Im individuellen Entwicklungsplan IEP sind außer den Entwicklungszielen auch weitere notwendige Maßnahmen der Entwicklungsförderung (Therapien, Erziehungsberatung etc.) beschrieben. Im Erziehungsplan wird auch vermerkt, in welchen Umfang der Schüler am Unterricht erfolgreich teilnehmen kann und welche Form der Unterrichtsvertretung für diesen Schüler greift.

Die individuellen Lern- und Verhaltensziele werden mit jedem Kind besprochen, sprachlich präzisiert und auf ein dem Schüler verständliches Niveau gebracht. Die individuellen Ziele hängen für jedes Kind in der Klasse aus. Sie werden täglich schwerpunktmäßig in den Focus gehoben und die erfolgreiche Umsetzung in einer ritualisierten Form mit dem Schüler reflektiert. („Welches Ziel habe ich heute gut geschafft?“)

Beispiele von individuellen Förderzielkarten

V 15

Ich fange sofort mit meiner Aufgabe an.

V 20

Ich grenze mich ab.

Wenn andere toben, halte ich mich zurück.

K-16

Wenn mich etwas stört, sage ich es mit angemessenen Worten.

(keine Ausdrücke, kein Rumtoben)

 K-17

An Gesprächen beteilige ich mich mit freundlichen Wörtern.

 SOZ 18

Ich arbeite mit einem Partner und erledige meinen Teil der Arbeit.

 SOZ 19

Ich wechsele mich von selbst mit den anderen ab.

(bei Krea, in der Pause, im Sport)

 


Support:
Alfried Krupp-Schulmedienzentrum